Paul Marouschek Österreichischer Meister auf der Langdistanz

Oktober 19, 2014 12:39 pm Veröffentlicht von

Aloha liebe Freunde/innen!

Ich will jetzt nicht abgedroschene Lebensweisheiten verbreiten, aber Weichenstellungen im Leben passieren oft durch scheinbar winzige Dinge; ein aufmunterndes Wort, ein kleines Ereignis, eine emotionale Reaktion, entscheiden sehr oft zwischen links oder rechts, gut oder böse, richtig oder falsch oder wie im Sport über Sieg oder Niederlage. Eine solche Gradwanderung war der 06.09.2014, der Tag der österreichischen Staatsmeisterschaften auf der Triathlon Langdistanz (3,8km swim, 180km Rad und 42,2 km Laufen) in Podersdorf, der Tag an dem ich das Double Triple (österreichische Staatsmeisterschaft M-50 und Altersklasse M-50 mit internationaler Beteiligung) nach 2012 und 2013 auch heuer wieder gewinnen durfte.

Kurz vor dem Start lag der See in noch nie dagewesener Ruhe vor uns, die Wasseroberfläche spiegelglatt, kein Luftzug, ideale Bedingungen für die 226 Kilometer lange Reise. Dass mein Freund und Arbeitskollege Gerhard Lang an diesem Tag zum Mentalcoach, zum Matchwinner und quasi zum Bundesbahner mutieren wird, weil er rechtzeitig meine Weichen auf Sieg stellte, wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner von uns.

Wie versprochen war ich der personifizierte Captain Sparrow, mit dem Seeräubermesser zwischen den Zähnen, als ich unter 1000 Startern auf das erlösende Rawumms wartete, um mich dann sofort in einer brodelnden Waschmaschine aus Händen und Füssen Richtung Bojen fightete. Auf dem ersten Kilometer mache ich keine Gefangenen und so komme ich in einer sehr guten Zeit 01:04.45 aus dem Wasser.

Als ich auf das Rad steige, erinnere mich aber sofort an den Ratschlag meines Trainers Wolfi Rausch der mir am Tag vor dem Rennen folgendes mitteilte: „Du ich habe gehört in Poderdorf gibt es einen neuen Preis!!“ Ich: „Echt super welchen? Den gewinn ich.“ Er: „Den goldenen Vollkoffer für die erste schnellste Radrunde“, muahahaha ich hab den dezenten Hinweis verstanden und fahre mit Hirn und nicht mit „scheiss di net aun Vollgas“.

In Podersdorf glaubst du aber immer sie schießen auf dich, es knallt ununterbrochen und du willst schon mit einem Blattschuss vom Rad fallen – aber es sind nur die automatischen „Kanonen“ mit denen die Bauern diebisches Federvieh aus den Weinkulturen vertreiben. Mir fällt ein paar Mal das Herz in die Hose, bis ich mich wieder daran gewöhnt habe. Fast werde ich selbst zu einer solchen Kanone, weil die harten Erdpatzen auf der Straße – schauen aus wie Mistfladen vom Tyrannosaurus Rex, sind aber von den Mähdreschern und Traktoren – eher ein Mountainbike notwendig machen, als eine Zeitfahrmaschine mit jeweils 11 bar in den Reifen. Wenn diese Reifen platzen, sind alle Zugvögel von Podersdorf für immer in Afrika und ich bin taub und brauche psychologische Behandlung bis ich neunzig bin.

Eine Endzeit beim Radfahren von 4:58:46 mit konstanten Runden von knapp 36km/h und 210 bis 230 Watt Schnitt, ist trotz zum Teil starken Regens in den Runden 4 und 5 mehr als okay.

Dass ein Ironman erst beim Marathon entschieden wird, ist unter uns Triathleten eine alte Binsenweisheit; dass ich das aber so brutal erleben musste, ist eine eigene Geschichte. Nach Analyse meiner Gegner, wieso kommt mir das so bekannt vor???, war klar, mein härtester Konkurrent wird Christian Brunner, der Vizestaatsmeister 2013, Startnummer 201.

Als ich zum Marathon komme, weiß ich, dass er ca. neuneinhalb Minuten Rückstand hat, dass er ein sehr guter Läufer ist, dass wir uns immer wieder auf der Laufstrecke begegnen werden (Wendekurs – 5km raus 5 km rein – und das viermal), und dass keiner von uns so schnell aufgeben wird.

Und dann begann alles erst wirklich richtig – der Kampf um Gold, die Gratwanderung zwischen Sieg und Niederlage, das Unternehmen „Scheiß di net au, ich will das Triple“, jenes Ziel das ich mir seit Klagenfurt so gewünscht, für das ich noch einmal all meine Motivation und Energie in den letzten zwei Monaten investiert hatte und so oft an meine Grenzen, manchmal ein bisschen darüber hinaus gegangen bin.

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Laufen

Ich laufe auf den ersten 10 Kilometern Schnitt 4min50sec bis 05minm05sec pro Kilometer, die Muskulatur wunderbar locker, keine Schmerzen in den Sehnen. Als ich den zweiten 10er angehe, merke ich wie ich plötzlich langsamer werde, ich bringe keine Geschwindigkeit aufs Pflaster, der Kilometerschnitt sackt ab. Und immer wieder ist er plötzlich da, der „Weichensteller von der ÖBB“ Gerhard Lang, taucht von hinten kurz mit dem Rad auf, „Paul Oberkörper vor, du musst dieses Tempo bis Kilometer 21 durchhalten, der Abstand zu 201 ist gleich, wenn er das merkt gibt er mental auf.“ „Gerhard ich kann nicht mehr ich geh ein“ „Nein du Arsch, leide, quäl dich, jetzt schmerzt es, halt aber um Gottes Willen das Tempo bis zur zweiten Wende durch. Der sieht das, das wird eine rein mentale Sache“ Paaaahh tut das weh, ich verschärfe das Tempo oder bilde es mir zumindest ein. Durchsage der ÖBB „Ja jetzt passt es wieder, da vorne läuft ein anderer, saug dich ran, häng dich rein, dafür hast du dich im Training gequält es geht ums Triple“. Immer wieder ist Gerhard plötzlich da, gibt mir zur richtigen Zeit den notwendigen mentalen Kick, stellt mir die Weiche auf „nicht aufgeben, meine innere Neonleuchte auf Triple On“.

Ganz groß blende ich mir diese Leuchtschrift vor das Hirn „Ich will das Triple, ich will es verdammt noch mal. Nicht aufgeben das verzeihst du dir nie im Leben“.
Ich nehme all meine Freunde wie durch einen Tunnel wahr, wie sie mich nach vorne peitschen und schimpfen, die Welle machen, mir bei den Labestationen Wasser, Cola, Gels geben, ein Transparent hoch halten. Meine Martina hat nur noch die Hände vors Gesicht geschlagen, weil sie es vor Anspannung fast nicht mehr aushält, sorry an dieser Stelle an alle – ich wollte nicht unhöflich sein, ich konnte einfach keine Reaktion zeigen, es hat mir soooo geholfen, ich war aber im Nirvana. Der Abstand wird nicht größer aber auch nicht kleiner…..noch 20 Kilometer vor mir und neuneinhalb Minuten zwischen uns, Neonleuchte Triple On.

Immer wenn ich Christian Brunner begegne sieht er locker aus, perfekter Laufstil, „oh Gott nur nicht nachlassen der ist verdammt gut drauf“. Jeder nimmt den anderen wahr, kann ihn einschätzen, aber keine Reaktion zu einander – für mich ein mentaler Kampf mit feiner fairer Klinge. Ich weiß, alles hängt am seidenen Faden, es geht nur darum, wer als erster nachgibt und langsamer wird, wer länger durchhält, wer länger auf Zug bleibt, Neonleuchte Triple On. Im Gegensatz zu Klagenfurt hol ich mir jetzt die positiven Bilder in Full HD aus dem Training, als ich mich besonders motivieren musste – mir den Zieleinlauf vorstellte, vor meine

geistige Flimmerkiste. Genau das hab ich ja gewollt, einen harten fairen Kampf mit Gold am Ende des Tages. „Nicht Jammern Neonleuchte auf Triple On.“
Und wieder Durchsage der ÖBB „Achtung, Achtung Bahnhof Podersdorf – Zug 201 11 Minuten Verspätung, er geht bei der Verpflegungsstation, er läuft nicht mehr er geht, das ist es, das war es, du hast das Triple!!!!“ Ich glaub es aber nicht, will es nicht wahr haben. Erst als der Abstand auf der letzten 10er Schleife plötzlich 14 Minuten beträgt, beginne ich es langsam zu realisieren. Drei Kilometer vor dem Ziel wieder die ÖBB „ein Triumph – unglaublich Staatsmeister 2012,2013 und 2014, alle warten auf dich im Ziel. Schau jetzt nicht mehr so böse lach endlich, bitte lächle, Paul verdammt ich will dich jetzt nur einmal lächeln sehen!!!“

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Erschöpfung

Wirklich grinsen kann ich erst als ich durch das Spalier der Zuschauer laufe, endlich meinen Freunden eine Reaktion zeigen kann, ich klatsch sie ab, umarme sie. Als ich auf der Ziellinie stehe, nach einem grottenschlechten Marathon in 04:01:50 und einer doch sehr guten Endzeit von 10:08:52, löst sich diese Anspannung „Fuck ich habs das Triple, sogar das Double Triple“

Ich kann nicht wiedergeben was sich dann im Ziel abgespielt hat, Gänsehaut krieg ich jetzt noch beim Schreiben… Ich verkriech mich dann für fünf Minuten hinter dem Zielzelt und kotze mir minutenlang die Seele aus dem Leib, mein Körper steht auf „Tilt“, die ganze Anspannung löst sich, der riesige Stein der mir vom Herzen fällt zerquetscht mir fast die Zehen, ich habe es geschafft.

Mit Christian Brunner sitz ich dann unter einem Baum und er erzählt mir, wie sehr er mit Krämpfen zu kämpfen gehabt hat, der gegenseitige Respekt und Anerkennung sind ehrlich. Bei der Siegerehrung am nächsten Tag hilft er mir aufs Stockerl, weil ich kaum gehen kann.

Nach 2320 Lauf-, 9561 Rad- und 359 Schwimmkilometern, sowie 756 Trainingsstunden mit ca. 495000 verbrannten kcal, vielen harten aber wunderschönen Augenblicken und Momenten ist diese Saison endlich vorbei, ich will jetzt runterkommen, abspannen und regenerieren. Ich bin euch allen so unendlich dankbar, weil ohne Freunde, Arbeitskollegen und Familie aber rein gar nichts in dieser Dimension möglich wäre, das ist mir jeden Tag bewusst und das vergesse ich nicht.

Die Pläne für nächstes Jahr sind fix, Qualifikation für die Halbdistanz Weltmeisterschaft in Zell am See (September 2015) bei der Halbdistanz (1,9swim, 90bike, 21run) im Mai in

St.Pölten, Teilnahme bei der Ironman Langdistanz Europameisterschaft in Frankfurt (Juli 2015) und dort Qualifikation für die Ironman Weltmeisterschaft in Hawaii (Oktober 2015) und wenn das nichts wird….scheiss drauf dann heißt es wieder

See you in Poderdorf 2015 weil dort bin i daham Paul

P.S.: Die Mannschaftsstaatsmeisterschaft für unseren Verein Tri Klosterneuburg, haben wir, Manfred Litzlbauer und Mario Iwancsics, nach 2013 auch wieder gewonnen.

www.triathlet-paul-marouschek.at

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Siegerfoto

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