Thomas Srb bei der IronMan-Weltmeisterschaft in Kona / Hawaii

Oktober 17, 2015 5:30 pm Veröffentlicht von

Auf den ersten Blick sieht die Ironman-WM in Kona wie eine Heldentat aus: Qualifikation geschafft, neun Monate Vorbereitung ohne gröbere Zwischenfälle überstanden, einige wirklich gute Rennen abgeliefert, gesund und gut vorbereitet am Pier in Kona ins Wasser gesprungen. Dafür habe ich lange und hart trainiert. Und es hat sich gelohnt. Die Ironman-WM war ein einzigartiges Erlebnis. Ich habe allerdings erwartet, dass angesichts dieses Erlebnisses das Ergebnis fast bedeutungslos ist. Ich habe mich getäuscht. Von Anfang an bekomme ich während des Rennens das Ergebnis nicht aus dem Kopf. Bei jeder Zwischenzeit denke ich: da hätte schon etwas mehr gehen müssen. Heldengeschichten fangen anders an.

Schon das Schwimmen ist eigentlich vor allem Schadensbegrenzung: Kampf gegen nervöse Mitstreiter, Kampf gegen die Wellen, Kampf gegen die Seekrankheit. Irgendwann ist es dann vorbei. Ich habe zwar viel gekämpft, aber trotzdem nicht das Gefühl gehabt, dass der Kampf erfolgreich war: 1:22:16 für die 3,8 Kilometer. Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Pazifik sehr unruhig gewesen ist und natürlich kein Neo erlaubt war, kann ich damit nicht zufrieden sein. Da bin ich schon mindestens fünf Minuten hinter meinem Plan. Dass viele andere ebenfalls langsamer geschwommen sind als geplant, ist kein Trost.

Danach das Radfahren: nach einer kleinen Schleife in Kona geht es Richtung Norden nach Hawi. Zunächst steht der Wind günstig. Ich sollte also Richtung Hawi fliegen. Angepeilt ist eine Radzeit von 5:30 Stunden, also ca. 33 km/h. Das schaut zunächst ganz gut aus. Es ist allerdings schon um 8:30 Uhr sehr heiß. Nach meinen Erfahrungen mit Hitzerennen in diesem Sommer bedeutet das für mich: vorsichtig anfangen. Ich versuche daher, mich zurück zu halten und verfolge ganz genau, was meine Pulsuhr und mein Tachometer anzeigen.

Der Queen-K-Highway führt durch die Einsamkeit der Lava-Wüste, die lediglich alle 16 Kilometer durch eine Verpflegungsstation unterbrochen wird. Kurz vor Hawi zieht dann ein heftiger Regenschauer durch. Der warme Regen ist gar nicht unangenehm, er wird aber von heftigem Gegenwind begleitet, was den Anstieg nach Hawi sehr anspruchsvoll macht. Dafür geht´s dann nach der Wende in Hawi mit 60 bis 70 km/h wieder runter. Ich bin froh, als ich wieder in die Sonne komme. Denn die Abfahrt ist zwar nicht anspruchsvoll, aber auf der nassen Straße kann immer etwas passieren.

Jetzt will ich eigentlich nach dem verhaltenen Start aufs Tempo drücken, allerdings kommt Gegenwind auf, der sehr unangenehm von schräg vorne bläst. Es geht immer wieder langgezogene Hügel hinauf – mit geradezu lächerlich niedriger Geschwindigkeit. Und selbst bergab muss ich arbeiten, um auf Tempo zu kommen. Es ist ein Kampf gegen die Hügel, ein Kampf gegen die Hitze, ein Kampf gegen den Wind. Dass die anderen genauso kämpfen, ist kein Trost. Denn bei mir kommt noch der Kampf gegen ein mieses Körpergefühl dazu. Das Durchschnittstempo sinkt und ich schaffe es nicht, auf Angriff umzuschalten. Das Radfahren fühlt sich trotz Schneckentempo und erstaunlich niedrigen Pulswerten viel härter an als erwartet. Ich habe das Gefühl, dass irgendwas meine Beine lähmt. Die Hitze? Vielleicht war die Akklimatisationszeit doch zu kurz? Oder einfach nur ein schlechter Tag? Wenn ich das wüsste! Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Nach 5:35:22 Stunden sind die 180 Radkilometer geschafft. Wieder fünf Minuten auf den Plan verloren. Nächster Halt: das Dixie-Klo in der Wechselzone. Und wieder rinnen ein paar Minuten davon. Dann geht´s endlich raus auf die Laufstrecke, auf die um zwei Uhr nachmittags die Sonne herunter brennt.

Zunächst geht´s den Alii-Drive nach Süden. Die heiße Luft steht, aber es stehen auch viele Zuschauer da und Einheimische, die mit ihren Gartenschläuchen alle mit Wasser zum Kühlen versorgen. Etwa jede Meile gibt´s eine Verpflegungsstation. Viel Trinken ist bei diesen Bedingungen ohnehin Pflicht, ich versuche mich auch noch dadurch abzukühlen, dass ich mir jede Menge Eiswürfel in den Rennanzug und in meine Kappe stecke. Das Eis auf der Haut oder am Kopf tut zwar im ersten Moment ein bisschen weh. Wenn das Eis dann aber schmilzt, wird es wirklich angenehm kühl. Der Kühleffekt hält allerdings nicht lange an. Schon bevor ich die nächste Labestation erreiche, ist das Eis geschmolzen und der Rennanzug fast trocken. Und das, obwohl ich am Anfang nur etwa 8 Minuten für jede Meile zwischen den Labestationen brauche.

Dann erreiche ich den Wendepunkt bei der blauen Kirche am Alii-Drive, es geht zurück nach Kona und nach etwa 16 Kilometern den berüchtigten Anstieg auf der Palani-Road hinauf. Fast alle Läufer rund um mich wandern hinauf. Das kommt für mich aber nicht in Frage. Noch geht´s mir gut, obwohl mir schon klar ist, dass ich auch beim Laufen langsamer sein werde als erhofft. Von der Palani-Road geht es dann nach links auf den Queen-K-Highway und auf diese Stelle freue ich mich schon sehr. Da hat „Hannes Hawaii Tours“, unser Reiseveranstalter, eine kleine Party-Meile eingerichtet, in der die Fans ihre Sportler anfeuern können. Auch mein Fanklub wartet schon auf mich. Es ist schön, dort Doris, Judith und Tanja zu sehen sowie unsere Freunde Robert, Susi und Matthias. Mit einem Lächeln laufe ich den Highway hinaus Richtung Energy-Lab, zur Schlüsselstelle der Laufstrecke.

Mein Gott, ist das zäh: der menschenleere Highway durch die Wüste. Lediglich einige ähnliche Narren wie ich laufen, wandern oder schleppen sich hier entlang. Von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation. Bei Gluthitze und nach mittlerweile neun Stunden im Wasser und „on the road“. Da hab ich in der Wüste genug Zeit, um darüber nachzudenken, wie ich das Rennen jetzt weiter gestalten soll. Mein Zeitplan hat sich in den Wellen, im Wind und in der Hitze bereits erledigt. Wenigstens das Daylight-Finish sollte aber zu schaffen sein, also der Zieleinlauf bei Tageslicht. Herumtrödeln gibt´s jetzt nicht mehr: Lediglich bei den Verpflegungsstationen erlaube ich mir kurze Gehpausen, um mich ordentlich zu versorgen. Dazwischen suche ich mir immer wieder ein kleines Ziel. Ich nehme mir irgendjemanden vor mir als Gegner vor und versuche, ihn bis zur nächsten Verpflegungsstation einzuholen.

Endlich geht´s links vom Highway ab und runter zum Energy-Lab. Zunächst bergab mit Gegenwind, angenehm kühl. Dann ist unten der Wendepunkt und es geht wieder bergauf. Das habe ich mir schlimmer vorgestellt. Die Hitze hat spürbar nachgelassen, denn es ist schon fast 17 Uhr und in etwas mehr als einer Stunde wird die Sonne untergehen. Als ich wieder auf den Highway einbiege, ist auch ein bisschen Wind aufgekommen. Von jetzt an geht´s dem Ziel entgegen, etwa zehn Kilometer liegen noch vor mir. Ich vertreibe mir die Langeweile und die Müdigkeit wieder damit, mir für jede Labestation jemanden auszusuchen, den ich einholen will. Manchmal klappt´s, manchmal nicht. Aber es ist jedesmal ein kleines Ziel, das mich dem großen Ziel näher bringt.

Ein Hügel noch, von Ferne sehe ich schon die Beach-Flags der Party-Zone von „Hannes Hawaii Tours“. Ungefähr zwei Kilometer sind es von dort noch ins Ziel. Als ich näherkomme, lösen sich aus der bunten Menschenmenge Gestalten mit den eigens für dieses Rennen entworfenen T-Shirts meines „Fanklubs“. Zwei Kilometer vor dem Ziel. Schwimmen, Radfahren, und 40 Kilometer Laufen – geschafft! Jetzt kann eigentlich nichts mehr passieren. Die Sonne steht noch immer über dem Horizont. Ich klatsche ab mit Doris, Judith und Tanja – mit Robert, Susi und Matthias – und mit allen anderen, die mir ihre Hand hinstrecken.

Rechtskurve in die Palani-Road, diesmal bergab und das Ziel schon fast vor Augen. Dann aber noch einmal links abbiegen, einen Häuserblock muss ich noch umrunden. Schließlich erreiche ich wieder den Alii-Drive und jetzt sind es nur noch wenige hundert Meter bis zum Ziel. Tausende Zuschauer feuern mich an. Links von mir nähert sich die Sonne am Horizont dem Pazifik. Vor mir beginnt der Teppich des Zielkanals. Am Ende wartet das Ziel, ein blumengeschmücktes Tor – ein Heldentor. Startnummer nach vorne, Kappe vom Kopf. Von diesem legendären Rennen am Ende der Welt will ich ordentliche Zielfotos haben. Mit einem Lächeln und erhobenen Armen renne ich durchs Heldentor: „You are an Ironman!“

Es war ein unglaublich zähes Rennen. Es hat ewig gedauert, bis ich hineingefunden habe. Es hat ewig gedauert, bis ich nicht mehr mit Zahlen, Geschwindigkeiten, Pulswerten, diversen Rechnungen und enttäuschten Erwartungen beschäftigt war. Es hat ewig gedauert, bis ich das Rennen nicht mehr mit Plan und Verstand gelaufen bin, sondern mit dem Herzen. Natürlich hätte etwas mehr gehen können. Ich hätte es mir gewünscht. Aber es könnte immer etwas mehr gehen.

Pfeif auf die Ergebnisliste. Zahlen, Zeiten und Platzierungen sind bedeutungslos. Ich stehe nach dem Zieleinlauf in der Athleten-Zone, in einem wunderbaren Südseegarten. Ich stehe unter Palmen auf der grünen Wiese am Strand in Kona. Ich habe den Ironman auf Hawaii geschafft – den legendären Triathlon, von dem zehntausende träumen, für den sich aber nur ein Bruchteil davon überhaupt qualifizieren kann. Aus der Ferne höre ich, wie weitere Finisher im Ziel begrüßt werden. Qualifiziert, angetreten und gut durchgekommen. Jeder, der das Ziel erreicht, ist einer mehr, der sich einen Traum erfüllt. Geschafft. Ich bin müde. Am Horizont versinkt die Sonne groß und rot im Pazifik.

Infos und Fotos: http://members.aon.at/srb

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