Thomas Srb beim IM Wales

Dezember 18, 2014 4:20 am Veröffentlicht von

Endlich geht es wieder um etwas! Seit Jahresanfang hab ich auf den 14.September hintrainiert. Dieser Tag in Tenby beim Ironman Wales ist mein erster ernsthafter und deklarierter Versuch, einen Hawaii-Slot zu schaffen. Davor bin ich zweimal beim Ironman Klagenfurt angetreten, aber mehr aus Freude am Langdistanz-Triathlon und als Standortbestimmung ohne echte Chance auf ein Kona-Ticket, obwohl heuer in Klagenfurt dann schließlich nur ein Platz und 1:40 Minuten gefehlt haben.

Aber heute zählt vor allem das Ergebnis. Das Hauptproblem ist, dass ich niemanden an der Strecke habe, der mir den Zwischenstand durchgeben kann. Ich muss also alles geben und am Schluss schauen, ob es genug war. Keine taktischen Spielchen, kein Cruisen ins Ziel, sondern kämpfen um jede Sekunde. Ich habe schon genug Wettkämpfe bestritten um zu wissen, dass solche Wettkämpfe die härtesten sind. Aber ich hab es mir selbst so ausgesucht. Heute geht es also nach acht Monaten gezielter Vorbereitung um den Kona-Slot. Heute gilt´s!

Dass der Ironman Wales zu Recht den Ruf hat, einer der schwersten zu sein, bestätigt sich gleich beim Schwimmen, das für viele der 1.800 Starter ein unlösbares Problem ist: bis zu zwei Meter hohe Wellen und die Flut, die das kühle Meerwasser in die Nordbucht von Tenby drückt, machen das Schwimmen so langsam, dass einige schon nach der ersten von zwei Schwimmrunden aus dem Bewerb genommen werden, weil sie die Toleranzzeit nicht schaffen. Nach der zweiten Schwimm-Runde ist der Ironman dann schon für mehr als 70 Teilnehmer zu Ende. Ich brauche für die 3,8 km 1:21:05 h – eine selbst für mich wirklich langsame Zeit, aber angesichts der Umstände bin ich nicht unzufrieden.

Schließlich bin ich zwei Tage vorher beim Schwimmen in den Wellen schon nach wenigen Minuten seekrank gewesen und nach einer halben Stunde habe ich vor lauter Übelkeit und Schwindel keinen Meter weiter schwimmen können. Ich hab also von Dreier- auf Zweieratmung umgestellt, damit ich bei jedem Atemzug einen festen Punkt am Ufer fixieren kann. Und orientiert habe ich mich auch nicht an den Bojen, die auf den Wellen tanzen, sondern an den Häusern am Ufer dahinter. So erreiche ich zwar spät, aber guter Dinge das Ufer und schwanke nur leicht, als ich mich auf den Weg zur Wechselzone mache.

Dieser Weg ist in Tenby auch etwas besonderes: zunächst über den tiefen Sandstrand und dann einen Serpentinenweg nach Tenby hinauf. Auf diesem Serpentinenweg haben wir alle in violetten Sackerln ein zusätzliches Paar Laufschuhe deponiert. Also: Neo ausziehen, rein in die Schuhe, Neo ins Sackerl und ab geht´s noch etwa einen Kilometer zu Fuß quer durch Tenby, ehe wir die Räder am anderen Ende der Stadt erreichen. Unzählige Zuschauer lassen sich dieses Spektakel nicht entgehen. Sie feuern alle Teilnehmer an und lassen erstmals erahnen, wie toll die Stimmung dann im weiteren Verlauf des Rennens sein wird. Nach knapp 11 Minuten bin ich bereit, die 180 Kilometer mit dem Rad in Angriff zu nehmen.

„Angriff“ ist jetzt im wahrsten Sinn des Wortes die Devise fürs Radfahren: als 95. meiner Altersklasse (45-49) bin ich aus dem Wasser gekommen, doch der Rückstand auf die meisten schnelleren Schwimmer sollte nicht uneinholbar sein. Zudem hab ich in der Wechselzone noch viele Räder stehen gesehen – immerhin rund zwei Drittel des Feldes sind hinter mir aus dem Wasser gekommen.

Die Radstrecke beginnt verhältnismäßig harmlos. Die Straße führt über die leichten Hügel der walisischen Küste in eine wunderschöne Dünenlandschaft. Nach nicht einmal einer Stunde Fahrzeit hab ich mich schon durch die dichten Radpulks gekämpft und kann jetzt ungestört mein Tempo fahren. Die Hügel werden steiler, die Abfahrten schneller und die Kurven enger. Ich schaue selten auf den Tachometer und werfe nur kurze Kontrollblicke auf die Pulsuhr, damit ich nicht zu sehr aufs Tempo drücke. Auf der schwierigen Strecke ist das wichtigste, den Rhythmus zu finden. Da ich immer noch Fahrer um Fahrer überhole, kann das nicht so schlecht sein.

Mittlerweile hat sich das leichte Unwohlsein nach dem Schwimmen komplett gelegt. Ich kann mit Genuss meine gewohnte Wettkampfverpflegung für die erste Radhälfte verspeisen: Reis mit Speck und Ei. Zubereitet vom Koch des Fourcroft-Hotels, das für die Ironman-Starter ein besonderes Service bietet: Frühstück ab 4 Uhr früh und gekocht wird, was gewünscht wird. Das Rezept für meinen Eier-Speck-Reis hab ich am Vorabend abgegeben. Die eine Hälfte hab ich zum Frühstück verspeist, die andere portioniert in Butterbrotpapier auf die Strecke genommen.

Nach 90 Kilometern steige ich dann auf Hydro-Gels um. Da ich mich wegen der schwierigen Strecke nicht während der Fahrt mit dem Aufreißen der Gel-Päckchen herumärgern will, hab ich zehn Gels in eine Radflasche gefüllt und kann die Gels daher problemlos trinken, obwohl es kaum Streckenabschnitte gibt, auf denen man nicht entweder bremsen oder lenken muss.

Nach hundert Kilometern wartet dann der absolute Höhepunkt der Radstrecke: zwei Steigungen, ein paar hundert Meter lang, 16 Prozent steil. Die erste Steigung führt direkt durch die Ortschaft Saundersfoot. In Fünferreihen drängen die Fans auf die Straße, in der Mitte bleibt gerade eine schmale Durchfahrt und beim Rauftreten denkst Du nicht an die Anstrengung, weil Du von hunderten Stimmen und Schlachtgesängen hinaufgetrieben wirst. Am Ende der zweiten Radrunde, die ein bisschen kürzer ist als die erste, wiederholt sich das Spektakel. Die Müdigkeit der bisher 170 Rad-Kilometer verschwindet aus meinem Bewusstsein und ich fliege zwischen den jubelnden Zuschauern den so genannten „Heartbreak-Hill“ in Saundersfoot hinauf.

Nach 5:47:13 Stunden kann ich das Rad in der Wechselzone wieder abstellen. 180 Kilometer mit wahrscheinlich 2.400 Höhenmetern liegen hinter mir. Der Schnitt von 31,2 km/h liegt zwar deutlich niedriger als in Klagenfurt, bedeutet aber den viertschnellsten Rad-Split in meiner Altersklasse. Die Aufholjagd am Rad ist gelungen. Meine Platzierung in der Altersklasse weiß ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht. Ich sehe lediglich, dass erst sehr wenige Räder in der Wechselzone auf den Ständern hängen, die für meine Altersklasse reserviert sind. Im Ziel werde ich dann erfahren, dass ich als Siebenter auf die Laufstrecke gegangen bin – nur noch einen Platz hinter dem Kona-Slot.

Auf den ersten Laufkilometern merke ich dann zweierlei: erstens, dass es auch beim Marathon dauernd bergauf oder bergab geht, wie das oben stehende Streckenprofil deutlich zeigt. Und zweitens, dass die Sonne die Luft mittlerweile ordentlich aufgewärmt hat. Von einem Hitzerennen kann zwar keine Rede sein, aber so angenehm kühl wie sonst im September in Wales ist es auch nicht. Ich möchte auf alle Fälle einen Einbruch vermeiden und beschließe, den Marathon im Stil von Jan Frodeno zu laufen. Der hat beim Ironman in Frankfurt eine Super-Laufzeit hingelegt, obwohl er bei jeder Verpflegungsstation stehen geblieben ist und Dehnungsübungen gemacht hat.

Ich nehme mir also die Zeit, bei den Verpflegungsstationen zu gehen, um ordentlich zu trinken und mich mit Wasser über Kopf und Schultern zu kühlen. Bergauf drücke ich nicht aufs Tempo, aber bergab lass ich es rollen. Das funktioniert großartig. Ich laufe dadurch zwar sehr ungleichmäßige Kilometer-Zeiten, im Durchschnitt schaffe ich aber ein Tempo von 5 Minuten pro Kilometer. Vier Runden sind zu laufen, jeweils etwas mehr als zehn Kilometer lang. Bei der Hälfte jeder Runde gibt´s ein Rundenband ums Handgelenk. Wer alle vier Farben beisammen hat, ist auf dem Weg ins Ziel. Die letzten Kilometer führen dann wieder durch die engen und hügeligen Gassen von Tenby – und durch ein Spalier von enthusiastischen Zuschauern. Wenn die Zuschauer einen Läufer mit vier Rundenbändern erkennen, lassen sie ihrer ohnehin schon großen Begeisterung freien Lauf und brüllen ihn Richtung Ziel.

Ich lasse mich von der Welle der Begeisterung weitertragen. Noch immer ist mir jede Sekunde wichtig, auch wenn die Anstrengung mittlerweile wirklich weh tut.

Ich habe keine Ahnung, wo ich genau liege. Denn mittlerweile hat sich die Laufstrecke gut gefüllt und zwischen all den Läufern, die in verschiedenen Runden unterwegs sind, fehlt mir der Überblick. Aber ich sehe nur wenige Läufer mit vier Rundenbändern und zudem läuft die schnellste Dame seit Beginn des Marathons im selben Abstand von ca. drei Minuten hinter mir her. Das zeigt mir, dass ich wirklich gut unterwegs bin. Ich weiß, dass mir ein super Rennen gelungen ist, und beschließe, mich beim Zieleinlauf einfach einmal vorbehaltlos darüber zu freuen.

Den abschließenden Marathon mit immerhin 600 Höhenmetern hab ich in 3:32:40 Stunden geschafft. Es ist die zweitschnellste Marathonzeit in meiner Altersklasse. Schneller war nur mein Freund und Reisebegleiter Robert Glaser, und zwar um knapp zwei Minuten.

10:53:52 Stunden zeigt die Uhr im Ziel als Gesamtzeit an. Das ist 1:18 Stunden langsamer als in Klagenfurt und mein mit Abstand langsamster Ironman. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass es mein mit Abstand bester Ironman ist. Die Strecke in Wales ist einfach unvergleichlich schwierig – beim Schwimmen, auf dem Rad, beim Laufen und auch in den Wechselzonen. Ich hab getan, was ich konnte. Mehr war an dem Tag nicht drinnen.

Die ersten sechs der Klasse 45-49 dürfen nach Hawaii. 336 Starter waren angemeldet, 258 von ihnen haben es ins Ziel geschafft, die besten sechs von ihnen kriegen den Kona-Slot. Ich greife zum Handy und rufe zu Hause an, wo Doris meine Aufholjagd am Live-Ticker im Internet verfolgt hat: „Hallo Doris, wie geht´s?“

„SUPER, DU BIST DRITTER!“

Wahnsinn, ich hab den Slot! Ich fahre nach Hawaii! Mit meiner Anspannung lösen sich fast ein paar Freudentränen – aber ich bin zu erschöpft zum Heulen. Hawaii! Der Mythos des Triathlonsports. Zweitausend der besten Triathleten aus allen Altersklassen, zweitausend von etwa 75.000, die jedes Jahr in aller Welt um die Slots kämpfen … und mitten unter ihnen: Thomas Srb aus Klosterneuburg bei Wien! Wow!

Ich fühle Freude, Stolz und Dankbarkeit gegenüber allen, die mir dabei geholfen haben. Vor allem auch gegenüber Doris, Judith und Tanja, die in den vergangenen Jahren das stundenlange Training ihres Mannes bzw. Vaters mit großer Gelassenheit akzeptiert haben. Jetzt hab ich mehr als ein Jahr Zeit, mich auf die Ironman-WM in Hawaii vorzubereiten. Ich werde den Triathlon dort genießen, aber auch sportlich ernst nehmen. Es ist das härteste Ein-Tages-Rennen im Ausdauersport, ein Mythos. Es ist ein Privileg, dort starten zu dürfen. Es ist eine Verpflichtung, dort alles zu geben. Das wird wieder ein Rennen, bei dem schon am Start klar ist: heute gilt´s! Ich freu mich…

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