Waterloo in Frankfurt – Rennbericht von Paul

Juli 27, 2015 1:18 pm Veröffentlicht von

Waterloo in Frankfurt – Rennbericht

Aloha liebe Freunde/innen!
Waterloo in Frankfurt oder der Tag als bei mir eine Schraube locker war.

Als ich am 05.07.2015 um 06.50 Uhr am 26,5 Grad warmen Whirlpool Langener Waldsee beim Start der Ironman Langdistanz Europameisterschaft stehe, ahnte ich noch nicht, dass Frankfurt wegen einer 4mm langen und 1mm dicken Schraube zu meinem Waterloo, zu meinem bisher schlimmsten sportlichen Debakel und zu meiner größten mentalen Grenzerfahrung werden sollte.

Körperlich bestens vorbereitet ist mir das, wegen der zu warmen Wassertemperatur, erteilte Neoprenverbot ziemlich egal. Triathleten sind meistens gelernte Nichtschwimmer und auf den Auftrieb des bis zu 4mm dicken Gummianzuges beim 3,8 km langen Schwimmen angewiesen. Ohne Neo sinken nämlich das Becken und die Beine im Wasser auf Grund der Schwerkraft unweigerlich nach unten, das erzeugt Widerstand, verringert das Tempo und kostet Kraft. Aber auch die prognostizierte Hitze macht mich nicht sonderlich nervös. So prügle ich mich die ersten 500 Meter bis zur ersten Wendeboje durch Freund und Feind, finde schnell in den Schwimmrythmus und komme in für mich sehr guten 01:06:03 als 15er meiner Altersklasse aus dem Wasser. Alles im Plan!

Die ersten 13 km am Rad ins Zentrum von Frankfurt mit knapp 37 km/h leicht bergab und dann beginnt eine wilde Hatz in schnellen Radgruppen. Mit 35,5km/h und 242 Watt Schnitt „erledige“ ich die erste Radrunde von 83 Kilometern, lockere Beine, wie mir mein Trainer befohlen – mit Hirn nicht überzockt. Bei Kilometer 110 habe ich eine Gesamtzeit von ca.04 Stunden und 6 Minuten. Ich freue mich irrsinnig, weil ich die verbleibenden 70 der 180 Radkilometer mit 35km/h Schnitt fahren kann, um dann wie vorgesehen gegen 13.00 Uhr zum Marathon komme. Außerdem schnupfe ich einige die vorne wegfuhren, ich merke ich bin dabei. Mein Körper funktioniert perfekt, Ich glaube heute ist mein Tag – alles gut!

Und dann kommt er, der Moment, der mich plötzlich und wie aus heiterem Himmel mit voller Wucht aus der Bahn schmeißt, mich einfach traumatisiert und mein ganzes System wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt!!!. Bei Kilometer 120, eine leichte Bergabfahrt jenseits der 40 km/h ein lautes unüberhörbares „Kracks“ und der gesamte Lenker inklusive Aufleger kippen plötzlich 5cm nach vorne, weil eine 4mm lange und 1mm dicke Halterungsschraube einfach reißt.

Ich kann es nicht fassen!!! Fast genau wie im Training Ende Mai, da ist mir kurz vor einer steilen Bergabfahrt während strömenden Gewitterregens Ähnliches passiert. Da ist der ganze Lenker nach vorne in Leere gefallen, mit Mühe konnte damals ich einen schweren Sturz verhindern und irgendwie das Rad abfangen, da waren zwei Schrauben gerissen und ich hatte ins Nichts gegriffen….

Ich denke „Fuck was ist jetzt los“ und realisiere in diesem Augenblick, dass alles vorbei ist! Noch 60 Kilometer zu fahren, am Aufleger kann ich nicht liegen sonst reißt die zweite Schraube auch noch und einen schweren Sturz will ich nicht riskieren. Jeder Anstieg im Wiegetritt, jede kleine Unebenheit mit höherem Tempo – „Kracks“ wieder ein Stück weiter vorne. Bald streife ich mit der Nase am Reifen.
Zweimal bleibe ich stehen und versuche mit einem Imbus den Lenker wieder einzurichten, wummm, wummm alle ziehen sie man mir vorbei. Bitte lieber Gott mach den Erdboden auf und lass mich darin versinken, erspar mir die Schande dass ich zu Fuß nach Frankfurt muss – die Hölle in Frankfurt; nicht nur wegen der Hitze. „Kracks“ nach zwei Kilometern ist der Lenker wieder dort wo er absolut nicht hingehört…

Ich „pedaliere“ die restlichen 60 Kilometer nur mehr aufrecht, kann kein hohes Tempo fahren – „Kracks“ – wie in einer anderen Welt, wummm wieder ziehen ein paar vorbei. Jetzt brauch ich nur mehr vorne einen Einkaufskorb in dem mein kleines, fettes weißes Meerschweindl, mein Malteserhund „Gucci“, drinnen sitzt….

Es ist gegen 12.00 Uhr, die Sonne brennt erbarmungslos runter, die Dörfer sind meist menschenleer, wie ausgestorben. High Noon in Germany, es fehlt nur noch der runde Busch, wie in „Spiel mir das Lied vom Tod“, der vor dir über die Straße rollt. Geht aber nicht – ist ja kein Wind. Fast kein Fan auf der Straße – ist ja keiner so deppat und bewegt sich unnötig bei 40 Grad. Wenn du aus den Ortschaften kommst fährst du gegen eine Hitzewand, der Asphalt brennt zusätzlich von unten. Auf den letzten 30 Kilometern ist mir zum Speiben. Zwei Triahtleten liegen unter einem Baum alle Viere von sich gestreckt, Sanitäter bei ihnen. Wummmm wieder ziehen ein paar vorbei. Bitte lieber Gott lass wenigstens den Lenker bis zur Wechselzone oben!

Dennoch radle ich die 180km in 05:29:40 runter, dann liege ich im Zelt, mit dem Laufsackerl in der Hand. Ich speibe mir die Seele aus dem Leib. Ich will die Laufschuhe nicht einmal sehen, das Sackerl nicht einmal aufmachen. Ich mag, ich kann und vor allem ich will nicht mehr!
Dies ist genau der Moment, in dem ich erstmals beschließe aufzugeben. Wie in Trance schlüpfe ich in die Laufschuhe, ich will noch die 700 Meter vorlaufen, zu Martina, Melly, Kerstin und Arnold, um ihnen dort zu sagen, dass es vorbei ist. Die sind ja extra wegen mir von St.Pölten gekommen.

Ich hänge mich bei ihnen über einen Papierkorb und sage „aus ich höre auf, ich kann nicht mehr“. Arno schnappt mich von hinten richtet mich auf, „nein nicht – mach weiter“.
Melly stupst mich an der Schulter, fleht mich an, „Bitte nein Papa, du hast mir immer gesagt ein Skorpion mit Aszendenten Skorpion gibt nicht auf, bitte mach weiter, bitte!!!“ Ich beginne zu traben, der Frotz stößt mich immer von hinten vorwärts – dafür sollte ich ihr das Taschengeld streichen..„wink“-Emoticon und aus irgendeinem Grund beginne ich zu laufen.

Bei Kilometer 7 steht dann meine Martina. Ich sehe in ihrem Blick wie leid ich ihr tue. Ich gehe auf sie zu und sage „Martinas aus vorbei ich kann nicht mehr, ich hör auf“. Sie umarmt mich ganz zärtlich und als ich meinen Kopf auf ihre Schulter lege beginne ich haltlos zu plärren. Die ganze Mühe, Überwindung, neun Monate härtestes Training, Verzicht, alles umsonst, ich bin leer komplett kraftlos absolut unten. Sie streicht mir über den Kopf und sagt „wenn du jetzt aufhörst versteht das ein jeder, sag mir nur was ich ihnen sagen soll“. Damit meint sie all jene Freunde die über Handy alles mitbekommen haben.

Ich weiß bis jetzt nicht welcher Teufel mich dann geritten hat, ich richte mich auf, sehe sie an und sage „sag ihnen ich werde diesen Scheiß hier finishen!!!!“. Und dann begebe ich mich auf eine 35 Kilometer lange Reise durchs Nirvana. Bis heute weiß ich nicht warum, aber ich beginne wieder zu Laufen, denke mir „nur nicht zwischen den Labestationen stehen bleiben“. Bei den Stationen dusche ich, nehme Eis, kühle meinen Körper, um nicht zu kollabieren. Ich bewege mich weiter, immer wieder Kilometer für Kilometer. Mir ist einfach alles wurscht !

Alles ist wie in Trance – viele überholen mich, ich habe aber auch noch nie so viele gehen gesehen. In den Rot Kreuz Zelten liegen sie wie aufgebahrt. 40 Grad und mehr während dieses Marathons sind nicht nur deshalb die Hölle. Zweimal kotze ich mir die Seele aus dem Leib, die Magenschleimhäute in den Nasenlöchern. Wie ein Duracell Manderl bewege ich mich monoton ohne jeglichen Willen über die Strecke.

Als ich den Marathon nach 04:50:10 beende ist das Desaster nach 11:37:29 endlich vorbei.
Noch werde ich als 48er in meiner Altersklasse geführt. Zwei Stunden später bin ich aber disqualifiziert, weil ich bei der zweiten Lenkerreparatur fremde Hilfe angenommen habe. Ein Zuschauer hat mir den Lenker gehalten als ich geschraubt habe, dafür wurde ich angeblich mit einer blauen Karte verwarnt und ich hätte in der nächsten Penalty Box stehen bleiben müssen. Wenn ich es übersehen habe, und das ist durchaus möglich, eine korrekte Entscheidung. Mir ist sowieso lieber wenn dieses Ergebnis aus den Geschichtsbüchern gestrichen wird.

Warum ich überhaupt durchgemacht habe weiß ich bis jetzt nicht, ohne den „Vier“ an der Strecke wäre nichts mehr gegangen, vielen, vielen Dank dafür!

Positiv ist, ich habe gesund gefinisht, alles weiter muss ich erst sickern lassen und lassen wir doch die Kirche im Dorf – es war nur ein Wettkampf und ob ich ohne Panne den Slot erkämpft hätte ist auch mehr als fraglich. Die Muskulatur schmerzt auch nicht, war ja ein langsamer Marathon muahahaha..

Noch ist aber alles zu frisch, um vernünftige Pläne zu schmieden. Vielleicht starte ich am 05.09.2015 in meiner Triathlon Heimat Podersdorf und kämpfe dort wieder um die Österreichische Staatsmeisterschaft auf der Langdistanz, keine Ahnung – aber eines weiß ich sicher:

• Ein vermeidbarer Defekt ist sehr ärgerlich aber nicht die Welt. Ich habe „Trittwerk“ Peter mit seiner großzügigen Art so viel zu verdanken, ich habe mich auf meiner Zeitfahrmaschine noch nie so wohl gefühlt. Deshalb ist ein ehrliches „Schwamm drüber es soll nicht mehr passieren“ der einzig richtige Zugang für mich – ihr kennt mich und das mein ich auch so!

• Nächstes Jahr brauch ich keinen Fokus mehr auf den Hawaii Slot legen, die Jungen die nachkommen sind einfach zu stark, das muss man neidlos und mit vollem Respekt anerkennen
• Den Körper einmal zur Ruhe kommen zu lassen und die biologische Festplatte mit Strg a zu markieren und mit löschen einmal zu bereinigen ist vielleicht eine echt überlegenswerte Strategie für 2016 und vielleicht heißt es dann in der M55

„Aloha 2017 ich probiers noch einmal!“

Euer Paul

P.S.: Herzlichen Glückwunsch an unsere Kampfgössen Sabine die ihre zweite Langdistanz mit Bravour in 13 Stunden und 33 Minuten gefinisht hat.

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